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Keiner von hier kommt noch irgendwohin
von admin am 28.01.2014 um 23:44:22

Meine Rezension zu Mcdonalds "The Brave" aus der aktuellen Ausgabe des Drecksack

Manchmal passiert im sogenannten Literaturbetrieb Außerordentliches. Da klopft eine Bibliothekarin mit der
deutschen Erstübersetzung von The Brave, einem von Johnny Depp im Jahre 1997 verfilmten Roman des
Autors Gregory Mcdonlad, an die Türen von Großverlagen, wird abgewiesen und landet schließlich beim
kleinen Songdog Verlag in Wien. Sehr strange, wenn man bedenkt, dass Depp, der in den letzten Jahren zum
internationalen Superpiraten mutierte, bei dem Streifen nicht nur die Regie übernahm, sondern neben Marlon
Brando auch als Schauspieler mitwirkte.
Heißer Scheiß, werden jetzt manche denken: Vorne aufs Cover ein Bild von Depp und/oder Brando und das
Buch ist morgen in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Doch wer das denkt, kennt Andreas Niedermann, Autor und
Verleger des Songdog Verlags, schlecht. Der macht sowas nicht. Einzig auf dem Buchrücken ist zu der
prominenten Filmadaption ein kurzer Vermerk zu finden. Warum das der Niedermann so und nicht anders
macht, weiß ich nicht. Aber es ist okay, weil dieses Buch eben mehr ist, als die Vorlage für einen Film mit
Starbesetzung.
The Brave ist eine krasse, brutale Geschichte und vielleicht scheuten sich auch deswegen Verlage wie Rowohlt
und S. Fischer davor, das Ding zu publizieren. Der Autor selbst warnt bereits im Vorwort vor Kapitel c, in
welchem der Leser ohne Umschweife und sehr drastisch Einblick in das „Drehbuch“ eines Snuff-Videos erhält.
– Das geht an die Nieren. (Für die, die es nicht wissen: Snuff-Filme sind Aufzeichnungen realer Foltermorde,
die einer perversen Zielgruppe beim Abspritzen helfen.) 

Rafael, der Protagonist von The Brave, bewirbt sich für die Hauptrolle, sprich als Opfer, in eben einem dieser
Snuff-Filme. Doch warum? Welcher Wahnsinnige sucht nach so einem „Job“?
Bereits in seinem Vorstellungsgespräch erfahren wir, dass Rafael die meiste Zeit besoffen ist und mit seiner
Frau Rita und den drei gemeinsamen Kindern in Morgantown, einer illegalen Slumsiedlung neben einer
Müllkippe wohnt. Er ist Analphabet. Sein Vater ist krank, seine Schwiegermutter siecht langsam vor sich hin
und auch die eigene verrottende Leber, das weiß Rafael, machts nicht mehr lange: „Schließlich war er sich
klar darüber geworden, dass die Zeit lief, wenn er noch etwas zum Verkaufen haben wollte.“
Rafael ist am Ende. Ein unterernährter Alki-Indianer, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Zukunft. In der Hoffnung,
seiner Familie ein menschenwürdiges Leben, oder besser – überhaupt eine Perspektive ermöglichen zu können,
geht er auf den Deal mit McCarthy, dem Snuff-Filmproduzenten ein. Dieser gibt ihm einen Vorschuss von
dreihundert Dollar und verspricht, nach Rafaels Tod dessen Familie den Rest der vereinbarten Dreißigtausend
zukommen zu lassen.
Man kann vermuten, wie die Sache ausgehen wird. Dass es wahrscheinlich keine andere Möglichkeit für Rafael
geben kann, als den mit McCarthy vereinbarten „Vertrag“ zu erfüllen. Das Packende an Mcdonalds
(Passions-)Geschichte sind die darin beschriebenen zwei Tage, die Rafael bis zu seiner geplanten Hinrichtung
bleiben: „Gerade hatte er erkannt, dass er jetzt etwas wusste, was er vorher nicht gewusst hatte und was sehr
wenige Leute von sich wussten: wo und wann und wie... er zu Tode kommen würde.“
Dieses Wissen und die Aussicht, seiner Familie dreißigtausend Dollar zu vermachen, verändern Rafael. Er
trinkt weniger und fängt an, das vermeintliche Schicksal der Slumbewohner zu hinterfragen. Als schließlich ein
Kind beim Durchstöbern der Müllkippe von einem Aufseher angeschossen wird, mahnt er die kleine
Slumgemeinde, die illegale Trailersiedlung zu verlassen. Seine Frau, die wie die anderen nichts von Rafaels
Vereinbarung mit McCarthy ahnt, sieht darin keinen Ausweg: „Keiner von hier kommt noch irgendwohin.“
Obgleich McCarthy Rafael das Vorgehen bei seiner anstehenden Ermordung bis ins Detail schildert (Kapitel c),
scheint dieser keinen Moment an seiner Entscheidung, sich für seine Familie und Freunde zu opfern, zu
zweifeln. Er weiß, was auf ihn zukommt. So bemerkt er, als er in der Kirche seine Bußgebete aufsagt: „Jesus
Christus... wenn‘s mit mir zu Ende geht, bin ich ein blutigerer Haufen als Du.“
Ja, The Brave ist nichts für Zartbesaitete. Doch trotz des Elends schafft Mcdonald auch immer wieder intime
Augenblicke voller Anteilnahme und Zärtlichkeit. Zum Beispiel, als Rita den Truthahn, den Rafael von seinem
Vorschuss besorgt hat, zubereitet und an ihre Nachbarn verteilt. Wenn dann alle in dem heruntergekommenen
Tankstellenladen satt und in sich gekehrt den Braten verdauen, dann ist das, obwohl sonst alles total beschissen
aussieht, ein feierlicher, geradezu leuchtender Moment.
Es sind Stellen wie diese – die Warmherzigkeit, mit der die Bewohner von Morgantown miteinander umgehen
oder die Betrachtung des Farbenspiels eines Sonnenuntergangs über der Mülldeponie, die aus dem ohnehin
guten Roman einen großartigen machen.

Zum Schluss noch eine Empfehlung an alle, die den Film nicht gesehen haben, vor allem aber an diejenigen, die
den Film kennen: Vergesst ihn. Besorgt euch den Soundtrack von Iggy Pop und lest das Buch.

Gregory Mcdonald: „The Brave“, aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Annette Lorenz,
erschienen im Songdog Verlag, Wien, 186 Seiten, 18 Euro

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