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Minus mal Minus ergibt Plus
von admin am 05.10.2012 um 18:49:58

"Ich bin ein Scheißkerl." Mit diesem Satz beginnt Andreas Niedermanns mittlerweile zehnter Roman Goldene Tage. Und tatsächlich scheint Rambo Rimbaud, der Erzähler und Protagonist der Geschichte, auf den ersten Blick nicht viel mehr, als ein kaltschnäuziger Kleinganove zu sein. Einer dieser abgebrühten Scheißkerle eben, denen letztendlich jedes Mittel recht ist, andere abzuzocken, um selbst abzusahnen.

Andererseits sind da auch die Van Gogh-Sterne am korsischen Nachthimmel und jene unerklärliche Sehnsucht, durch das Tor des Trainingscamps der Fremdenlegion zu gehen. Doch bevor Rimbaud durch das Tor geht, will er erst etwas "Richtiges" versuchen; ein großes Ding drehen, damit sich der Kommiss bei den Legionären auch lohnt.
Zurück in der Schweiz gerät er mitten in die Jugendunruhen der frühen 80er. Während in Basel die Müllcontainer brennen und von den Straßen beißender Tränengasnebel dampft, deckt Rimbaud seine Lebenshaltungskosten mit kleineren Einbrüchen und Drogengeschäften. Er verliebt sich in die schöne Zora und lernt Denise kennen, ein "crazy Mädchen" mit außergewöhnlichen Kniescheiben.
Schnell wird klar, dass die Distanz mit der Rimbaud sowohl seine Umwelt, als auch sein Innenleben schildert, nicht von Verachtung herrührt, sondern die Konsequenz einer selbstverständlichen Aufrichtigkeit ist, die ihn von der Welt der scheinheiligen Gutmenschen und aufklärerischen Idealisten entfremdet. Gleichwohl gibt es da Nick Drake, einen Bruder im Geiste, der Rimbaud in den schlimmsten Momenten seiner Isolation beisteht: "Seine Songs berührten mich auf eine Weise, die ich nicht beschreiben mag. (...) Das Leben ist traurig. Traurige Songs über das traurige Leben machen mich glücklich. Das ist wie Mathematik."
An einigen Stellen musste ich an Michael Cullen denken, jenen "Angry Young Man" aus Sillitoes A Start in Life, der, wie Rimbaud, gar nicht wütend ist. ("Wut ist schlecht fürs Geschäft.") Was Cullen und Rimbaud in den Augen des bürgerlichen Spießers gefährlich macht, ist deren Denkweise und Handeln jenseits konventioneller Moralvorstellungen: "Was immer ich tat, es war egal. Ob ich zurück ging oder nicht, es war egal. Ob ich mein Wort hielt oder nicht, es war egal."
Schließlich stößt Rimbaud auf den alten, ehemals erfolgreichen Schriftsteller Andreas, der inzwischen nur noch für sich selbst schreibt. Als ihm dieser von seiner Zeit bei der Bahnpost und den dortigen Goldtransporten erzählt, weiß Rimbaud, was zu tun ist. Er wird dieses Gold mit Andreas´ Hilfe stehlen.

Dass der Schriftsteller im Buch und der reale Autor von Goldene Tage mehr als nur den Vornamen teilen, ist offensichtlich. So legt Niedermann, nicht ohne ein Augenzwinkern, seinem Alter Ego manch eigenen Standpunkt in den Mund: "Und obschon ich noch nie einen Schriftsteller gekannt hatte, glaubte ich zu wissen, dass er die Ausnahme von der Regel war, denn ich hatte schon gehört, dass die Vertreter dieses Berufs oft nicht in der Lage waren, ihren Arsch im Dunkeln zu finden, wenn dort nicht gerade der Scheck für einen erhaltenen Literaturpreis hing. Ja, so hatte ich es gehört. Von Andreas."
Wenn dann der Alte mit Rimbaud jenen folgenschweren Deal aushandelt (den ich hier nicht verraten werde), so ist das, wie ein Versprechen Niedermanns an sich selbst. "Hemingway hatte recht, als er sagte, dass man eine Geschichte nur lange genug verfolgen müsse, um ihr trauriges Ende zu sehen."
Diese Abgeklärtheit und die Nonchalance mit der Rimbaud seine Geschichte erzählt, hat nichts mit Pulp Fiction-Coolness oder Pseudo-Milieustudien zu tun. Niedermanns Sprache ist ehrlich. Sein Ekel verständlich, sein Mitfühlen aufrichtig.
Für mich ist Goldene Tage Niedermanns bislang bester Roman. Ein Buch, das durch seine Authentizität und herbe Schönheit wie ein funkelnder Nugget aus dem Bodensatz gegenwärtiger Neuerscheinungen hervorsticht. - Das sowieso. 

Andreas Niedermann: "Goldene Tage", erschienen im Songdog Verlag, Wien, 207 Seiten, 18 Euro 

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