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Da vorn ist der Ozean, viel weiter geht’s nicht
von admin am 27.06.2012 um 20:01:30

Bis vor kurzem brachte ich Ry Cooder ausschließlich mit Wim – „Ich habe Gott wiedergefunden“ – Wenders in Zusammenhang, zu dessen Film Paris, Texas Cooder 1984 den Soundtrack lieferte. Das hatte zur Folge, dass ich auch von Cooder nichts wissen wollte. Die Kenner unter Ihnen werden jetzt sagen, was für ein ignorantes Arschloch! Und ihr habt ja recht. Aber liebe Leute, ich hatte wirklich keine Ahnung.

Nun wollte es der Zufall, dass mir mein Freund und Nachbar Franz Dobler vor zwei Wochen Cooders Debütroman In den Straßen von Los Angeles in die Hand drückte. Und hey! Bereits die erste Story im Buch überraschte mich absolut angenehm.
Anders als sein Kumpel Wim kommt Cooder ganz ohne Weichzeichner und Breitwand-Sonnenuntergang aus. Kein Artsy-Fartsy. Kein Kitsch. Und trotzdem, oder gerade deswegen, sind Cooders acht Kriminalgeschichten, die alle im Nachkriegs-Los Angeles der 40er und 50er Jahre spielen, verdammt anrührend.
Dabei geht es Cooder nicht um das alte, weiße Hollywood von James Stewart und Judy Garland. Sein L.A. ist nicht die Stadt der Engel, sondern die Endstation des American Way of Life. Eine ausrangierte Straßenbahn am Strand von Playa del Ray. Showdown in den Dünen. „Wohin? Da vorn ist der Ozean, viel weiter geht’s nicht.“

Die Protagonisten sind Verlierer: Ein Maßschneider für Hipsterkleider, dem bei einer Séance mit Korla Pandit der Geist von Johnny Ace begegnet; ein morphiumsüchtiger Requinto-Spieler, der im Million Dollar-Kino Zeuge eines Mordes wird; der Teilzeit-Automechaniker „Atomic Bomb“ Saunders und sein Hund Scrubby; ein Steel Guitar spielender Zahntechniker mit kaputten Beinen...
Cooder begleitet seine Figuren auf ihrer Jagd nach dem großen amerikanischen Traum vom schnellen Geld, einer Karriere im Showbiz oder auch nur auf der Suche nach einem Arzt, der aus einem Penis eine Muschi macht. Er fährt mit ihnen durch die Wüste, klappert mit ihnen die Musikschuppen auf der Central Avenue ab; und er ist da, wenn einer von ihnen auf dem Parkplatz vorm Los Amigos zusammenklappt.
In den Nebenrollen glänzen neben Alkis, Pachuco-Jungs in violetten Zoot-Anzügen, schwulen Christen, Kommunisten und der zauberhaft hüpfenden Cheerleaderin Betty, einige Prominente wie John Lee Hooker, Merle Travis und Joe Maphis.

Cooders Schreibe bleibt angesichts der zahlreichen surrealen Begegnungen und trotz aller Schicksalsschläge, die er seine Helden durchleben lässt, erfreulich unaufgeregt. Der Grundton ist ganz in der Tradition der alten Noir-Meister, deren hartgekochtes Vorbild Cooder stellenweise auch karikiert. Das wiederum erinnert stark an Bukowskis letzten Roman „Pulp“, in dem, wie bei Cooder, neben den typischen Hardboiled-Zutaten, auch Aliens und Geister mitmischen.

Ay hombre, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann dir so ziemlich alles passieren. Und auch wenn dich dein Glück verlässt, liegt selbst im Scheitern noch Hoffnung und die Chance eines Comebacks.
So auch in Töten Sie mich, bitte, meiner Lieblingsgeschichte aus In den Straßen von Los Angeles, in der Billy Tipton, ein Jazzpianist, der physisch eigentlich eine Frau ist, dem abgebrannten Drummer Al Maphis für eine Autofahrt von einem kleinen Hinterwäldlerkaff in Arizona nach Los Angeles 2000 Dollar bezahlt. Maphis bringt Tipton und dessen noch minderjährige Freundin Betty, die beide wegen Mordes vor den Cops auf der Flucht sind, mit seinem alten Buick über die Grenze.
In L.A. angekommen schafft es Maphis, Betty, die von einer Laufbahn als Sängerin träumt, in der Show von Johnny Dolor and the Five Pains als Tittennummer unterzubringen. Noch vor ihrem ersten Auftritt, kommt ein Mann in den Club...

„Der Mann sprach mich an. »Gehört das Mädchen Ihnen? (…) Ich bin John Lee Hooker. Ich hab zur Zeit den Nr.-1- Hit in Detroit. Aber in eurer Stadt bin ich nur´n Fremder, und nur weil ich´n Fremder bin, glaubt jeder, er könne mich wie´n Hund rumstoßen. Ich brauch jemanden, dem ich von meinen Sorgen erzählen kann.« Er zog nochmal fünfhundert von seiner Rolle. »Ich hab´n großen«, sagte er zu Betty.“ 

Ry Cooder: "In den Straßen von Los Angeles", Aus dem Amerikanischen von Franz Dobler, erschienen in der Edition Tiamat, Berlin, 287 Seiten, 18 Euro 

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